Schlagzeilen
Senta Berger
28.05.2009
Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als Sie das Drehbuch angeboten bekamen und es gelesen haben?
Zuerst einmal, dass es ein sehr gutes Buch ist. Es ist nämlich ein Buch, das man im Grunde wie eine Partitur spielen kann. Wäre ich ein Musiker, in diesem Falle ein Cello-Spieler, dann könnte ich diese Partitur spielen. Natürlich gibt es immer wieder auch Variationen, die daraus entstehen, dass ein Buch an einem Tisch geschrieben wird und dass dann später die Situation, in der die Szene zum Leben erweckt und umgesetzt wird, vielleicht etwas von der Situation abweicht, in der es geschrieben wurde. Manchmal sind dann eben andere Erfordernisse gegeben, an die man sich anpassen muss. Aber ich hatte von Anfang an das Vertrauen in Sophie Heldman, die Regisseurin und Autorin, dass ihr das gelingt.
Worauf gründet sich dieses Vertrauen?
Sophie ist eine sehr kritische und eine sehr originelle Persönlichkeit. Sie ist sehr begeisterungsfähig und hat mich damit richtig angesteckt. Und in meinem Alter kommt mir die Jugend nun merkwürdigerweise wieder so nahe, als wäre meine eigene erst gestern gewesen. Bruno Ganz hat da ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, darüber haben wir uns gerade erst unterhalten. Und ich denke hier am Set fast jeden Tag wieder zurück an meinen Debütfilm, an meinen ersten Film als Produzentin, den ich damals zusammen mit Michael Verhoeven produziert habe. Das ist mir plötzlich wieder so nahe gekommen, weil ich nun im Debüt von Sophie Heldman mitwirke. Mich verbindet das sehr.
Also ein Verständnis über die Generationen hinweg?
Ja. Im übrigen habe ich in den letzten Jahren fast ausschließlich mit sehr jungen Menschen gearbeitet, auch mit jungen Regisseurinnen wie beispielsweise Connie Walter, Isabel Kleefeld und auch mit einigen anderen sehr jungen Regisseuren in meiner Fernsehreihe „Unter Verdacht“. Ich glaube, dass man voneinander sehr stark profitiert, auch ohne, dass man das direkt vorhat. Das Faszinierende an meinem Beruf ist für mich nach wie vor, dass es in diesem Metier keine Altershierarchien gibt. Das ist auch am Theater so, wo der Älteste mit dem jüngsten Praktikanten zusammen in der Kantine sitzt. Im Filmatelier ist es dasselbe. Die Altersschwellen, die in manch anderen Berufen sehr schwierig sind, gibt es hier nicht. Lange Zeit war ich immer die Kleine in einem Filmteam und nun bin ich die Älteste. Das merke ich natürlich auch, dass ich die Älteste bin, aber ich fühle mich genauso wie vor fünfzig Jahren, als ich angefangen habe, weil ich in einem Team aufgehoben bin, auch wenn dieses Team wesentlich jünger ist als ich.
Was für eine Rolle ist denn diese Anita, die Sie im Film spielen?
Das weiß ich selber nicht so genau. Das entwickelt sich erst während der Dreharbeiten langsam. Am liebsten wäre es mir, wenn man es niemals ganz genau wüsste. Meiner Meinung nach sollte man keine Rolle einfach auflösen können in ein Schwarz-Weiß-Bild. Es ist zu simpel, zu sagen, das ist eine temperamentvolle Frau, sie ist jähzornig, sie ist ungeduldig. Das ist die Anita auch alles. Aber sie ist auch eine ganz stark liebende Frau, und sie hat ein Geheimnis, das sie nicht ausspricht. Zwischen ihr und ihrem Mann ist überhaupt etwas, das das Publikum eher fühlen und ahnen soll als hören. Mein Wunsch wäre, dass diese Geschichte auch über Blicke, Berührungen und Körperhaltungen erzählt wird.
Was macht einen Stoff für Sie zu einem Kinostoff?
Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass sie nicht platt gewalzt und bis ins Letzte auserzählt wird. Das ist für mich Kino! Denn im Fernsehen geben wir recht häufig auch der Tendenz nach, alles zu erklären. Das wird von den Redaktionen häufig auch explizit so gewünscht. Oftmals werden anschließend bei der Nachsynchronisation noch Sätze eingefügt, die sich eigentlich schon über das bereits Gesehene erschlossen haben. Das finde ich schade, aber das ist nun mal so. Diese Klammer spüren wir bei Kino nicht so sehr.
Es geht im Film um ein gelebtes Leben, um Fragen über das Ende einer Liebe und den Tod. Kommt man einer solchen Rolle, die sich eventuell mit Fragen beschäftigt, denen man sich auch im Privatleben gegenüber sieht, näher als beispielsweise der Figur einer Kriminalrätin oder baut man gerade deswegen eher eine Distanz zu der Rolle auf?
Warum sollte man eine zusätzliche Distanz aufbauen? Die Distanz muss man ja immer behalten, wenn man spielt. Dass sich manche Kollegen so ganz und gar in eine Rolle versenken, kann ich nicht nachempfinden. Denn man muss ja ganz bei sich sein, um etwas herzustellen, das nicht hergestellt aussehen soll. Diese Distanz bleibt sicherlich immer. Das Filmen ist ein merkwürdiger Prozess, da kommt ja so Vieles zusammen: Handwerk, Technik, Kreativität und Fantasie. „Du musst auf dieser Marke stehen, damit Du dieses Licht bekommst und diesen Satz sagen kannst.“ Dieser Prozess ist sehr faszinierend für mich. Dabei kann ich mir dann selbst ein bisschen zuschauen. Aber ich glaube, Figuren, die ich nicht verstehe, kann ich nicht spielen. Figuren, die ich verstehe, kann ich spielen. Ob das jetzt die Kriminalrätin Prohacek ist oder die Anita in diesem Film – ich versuche immer, mit meinem Handwerk und meiner Fantasie gleich umzugehen. Ich gehöre auch zu den Schauspielern, die die Figur ablegen, um nach Drehschluss das Abendbrot für die Familie zu machen. Am nächsten Tag finde ich die Figur dann wieder.
Bringt es eine besondere Last oder Lust mit sich, eine Figur zu spielen, die aus dem Leben gegriffen ist und deswegen anderen als Identifikationsfigur dienen kann?
Ich glaube, das nimmt man selber überhaupt nicht wahr, und das ist auch gut so. Das ist für mich eine Art Schutz, denn ich selbst nehme viele der Dinge, die mir von außen zugeschrieben werden, gar nicht wirklich wahr. Ich spüre natürlich eine Verantwortung mir selber gegenüber, und die ist im Laufe der Jahre gewachsen, auch, weil die Jahre vermutlich weniger werden. Ich treffe heute auch ganz andere Entscheidungen als ich sie vor dreißig oder zwanzig Jahren getroffen habe. Die Entscheidungen, die ich heute treffe, kann ich nur treffen, weil ich die Entscheidungen vor fünfundzwanzig Jahren falsch getroffen und daraus eben Erfahrung gezogen habe. Aber ich denke nicht darüber nach, ob ich überhaupt eine Identifikationsfigur bin. Ich freue mich, wenn die Leute auf der Straße sagen, es habe ihnen gefallen, was sie gesehen haben.
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