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Lars von Trier im Interview

18.09.2008

Mitte der 80er Jahre hatte der Student der Dänischen Filmhochschule, Lars von Trier, mit seinem Film „Element of Crime“ erstmals für Aufsehen gesorgt. Mit Folgewerken wie „Breaking the Waves“ und „Dancer in the Dark“ gelang ihm schließlich auch der internationale Durchbruch, der bislang unter anderem in Cannes mit der Goldenen Palme und dem Europäischen Filmpreis für die beste Regie (2003 für „Dogville“) gekürt wurde. Nach einer schweren Depression hat von Trier Ende August die Dreharbeiten zu seinem neuen Film Antichrist begonnen, der ausschließlich in Nordrhein-Westfalen gedreht wird. Der Filmemacher möchte darin in die dunkle Welt seiner Imagination entführen. Mit Willem Dafoe („Spider-Man“) und Charlotte Gainsbourg („I’m Not There“) in den Hauptrollen entfaltet von Trier einen psychologischen Thriller um ein Ehepaar, das sich nach dem Tod ihres Kindes in eine isolierte Waldhütte zurückgezogen hat. Wir trafen den Regisseur zum Gespräch nahe den Wäldern des Rhein-Sieg-Kreises, in denen insgesamt 40 Drehtage angesetzt sind.

Lars von Trier
Lars von Trier

Viele Ihrer Filme gehören zu Trilogien. Ist „Antichrist“ der Beginn einer neuen Trilogie?

Das ist eine gute Idee! Ich liebe es, den ersten Teil einer Trilogie zu drehen. Der zweite Teil ist dann eine lästige Verpflichtung und den dritten mache ich dann doch nie. Aber, warum nicht!

Der Wald scheint eine wichtige Rolle in dem Film zu spielen. Können Sie uns sagen, welche?

Die Naturgewalten haben in meinem Werk schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Dieses Mal sogar auf eine sehr offensichtliche Weise. Als Kind hatte ich dem Wald gegenüber ein Verhältnis zwischen Liebe und Angst. Ich wollte dort hinein gehen, aber zu nah wollte ich dem Wald auch nicht kommen.

Über den Inhalt des Films haben wir bislang noch kaum etwas erfahren. Könnten Sie etwas mehr ins Detail gehen?

Nein, ich kann Ihnen nur das Allernotwendigste sagen, weil ich im Moment selbst noch nicht so genau weiß, wohin sich das Ganze entwickelt. Wir müssen selbst erst einmal schauen, was daraus wird. Außerdem würde es einen Teil des Spaßes verderben, weil der Film eine Art Thriller oder Horrorfilm ist. Aber er wird auf jeden Fall auch sehr sonderbar werden.

Wenn Sie ihn als Horrorfilm beschreiben – gab es andere Horrorfilme, die Sie beeinflusst haben?

Ich bin natürlich stark beeinflusst von Carl Theodor Dreyer und seinem Film „Vampyr“, und auch von den frühen Werken Friedrich Wilhelm Murnaus. Aber mein Stil hier wird schon ein wenig anders sein. Diesen Film will ich eher Andrei Tarkovski widmen, der zwar keine Horrorfilme gedreht hat, der mir aber sehr viel bedeutet und der Wälder, Bäume und solche Dinge wie kein zweiter in seinen Filmen einfangen konnte.

In den meisten Ihrer Filme leidet die weibliche Hauptfigur. Wie ist es hier?

Oh, ja, Charlotte Gainsbourg leidet jeden Tag – sowohl in ihrer Rolle als auch als Schauspielerin! Wir leiden alle, auch ich als Regisseur. Ja, es wird wohl auch in diesem Film wieder eine Menge gelitten, tut mir wirklich leid.

Es wird behauptet, der Film sei sehr gewalttätig. Ist die Gewalt darin eher emotionaler Natur oder eher physisch?

Es gibt literweise Blut darin (lacht). Der Horror findet auf einer sehr oberflächlichen Ebene statt, aber hoffentlich auch auf einem etwas tiefer gehenden Niveau.

Der Titel deutet ja einen religiösen Hintergrund an. Sind Sie ein religiöser Mensch oder glauben Sie an höhere Mächte, egal ob gut oder böse?

Ich bin nicht sehr gut darin, religiös zu sein. Ich bin eher anti-religiös erzogen worden. Ich denke, ich wäre wirklich sehr gerne religiös, aber ich bin es nicht. Das muss ich mir eingestehen. Ich war in meinem Leben nicht religiös, und wenn ich sterbe, sterbe ich einfach. Jeder hat ja von der Zeit danach so seine Ideen und seine Hoffnungen. Aber da glaube ich schon eher an das Schwarze Loch, das uns alle verschlingen wird. Ich habe es jahrelang mit allen Arten von Religionen versucht, aber ich bin einfach nicht gut darin.

Die meisten Ihrer Filme sind Experimente, weil Sie einige gegebene Parameter wie die Dogma-Regeln nehmen und dann schauen, was mit den Variablen geschieht. Gibt es so etwas auch in diesem Film?

Natürlich befolge ich auch hier im künstlerischen Bereich einige Regeln. Sie sind nicht so spezifisch, wie damals die Dogma-Regeln. Dieses Mal war es mir wichtig, mich komplett in etwas hineinzuwerfen, bei dem ich nicht wusste, was am Ende dabei herauskommen würde. Denn meine einzige Selbstkritik besteht darin, dass ich zu gut bin. Ich muss für mich etwas finden, in dem ich nicht gut bin. Ich hoffe darauf, das zu finden. Ich habe versucht, das Drehbuch nicht allzu oft zu lesen und mich aus Situationen herauszuhalten, in denen ich meiner Meinung nach schon zu häufig war.

Wälder gibt es überall – warum mussten Sie den Film ausgerechnet in Deutschland drehen?

Weil wir hier die Finanzierung für den Film zusammenbekommen konnten (lacht). Hier hat es geklappt, weil wir in Deutschland sehr gute Freunde haben. Und wir haben hier die Drehorte gefunden, die wir dafür brauchten. Wir brauchten viel Wald und hier gibt es eine Menge davon. Aber der Hauptgrund dafür war, dass wir den Film in Dänemark allein nicht finanziert bekommen hätten. Wir hatten in der Vergangenheit schon mit der Filmstiftung NRW zusammengearbeitet, deswegen war es logisch, hierher zu kommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Kombination aus „literweise Blut“ im Drehbuch und dem Auftreiben von Finanzierungsgeldern für den Film nicht sehr einfach war. Was haben Sie den Geldgebern über den Film gesagt?

Ich erzähle Ihnen immer eine Lüge. Ansonsten hätte ich es nicht geschafft, auch nur einen meiner Filme finanziert zu bekommen. Es ist nur sehr wichtig, dass die Lüge nah an der Wahrheit ist.

Wie können wir uns Ihren Arbeitsprozess vorstellen, wenn Sie uns sagen, dass Sie erst während des Drehens entscheiden, wohin alles laufen soll?

Ich habe das Drehbuch geschrieben und habe schon sehr genaue Vorstellungen davon entwickelt, wie alles auszusehen hat. Aber jeden Morgen habe ich nicht die geringste Idee, was ich machen soll. Der Setaufbau ist extrem schwierig. Die Filme, die ich davor gemacht habe, waren alle viel, viel einfacher. Dieser Film ist besonders in technischer Hinsicht sehr kompliziert. Es ist ein Kampf, aber wir sind schon ein gutes Stück weit gekommen. Ich drehe Szenen gerne aus verschiedenen Einstellungen, damit ich am Ende viel Material für den Schnitt habe. Bislang haben wir nur eine Menge technisches Zeug gefilmt, aber sobald wir uns an den eher dialogreichen Teil wagen, haben wir sicherlich mehr Spaß daran, denn die technischen Sachen sind doch sehr langweilig. Denn normalerweise hat man eine Vorstellung, wie ein Auto zu explodieren hat, wenn es explodieren soll. Aber das klappt sowieso nie, es explodiert immer auf eine andere Art, und das macht nicht den geringsten Spaß. Aber wir werden demnächst mit den Dialogszenen beginnen und darauf freue ich mich schon sehr.

Interview: Frank Brenner, film.de Redaktion

 
 
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