Schon bei seinem ersten Spielfilm „Das Phantom“ arbeitete Dennis Gansel mit Jürgen Vogel zusammen, die in „Die Welle“ nun erneut als Regisseur und Schauspieler aufeinander treffen. Dazwischen drehte Gansel so unterschiedliche Filme wie die Teeniekomödie „Mädchen Mädchen“ und vor vier Jahren „Napola“ über die Jugendkaderschmiede der Nazis. Auch mit der Verfilmung des Jugendbuchs „Die Welle“ bewegt er sich weiterhin im Teenager-Milieu, hat die Jugendbuchvorlage jedoch von einer kalifornischen Highschool aus den 1960ern an ein Gymnasium in die deutsche Gegenwart transferiert.
Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, „Die Welle“ zu verfilmen? War nach „Napola“ klar, dass Du einen weiteren politischen Stoff thematisieren wolltest?
Politisch weiter zu arbeiten war ein Wunsch von mir. Ich hatte aber auch andere Projekte in Planung. Ich möchte immer noch gerne einen Film über Terrorismus machen. Die Verstrickung zwischen Staat und Terrorismus war ja auch Thema meines allerersten Films. Damals ging es um die dritte Generation der RAF. Der Wunsch war, wie gesagt, da, und „Die Welle“ war da die klare Weiterentwicklung. Mit „Napola“ habe ich versucht, die Verführung im Dritten Reich zum Thema zu machen und jetzt schlage ich den Bogen zur Neuzeit.
Was fasziniert Dich an der Faschismus-Thematik?
Bei mir liegt es ganz klar an der Familie. Ich bin eigentlich eine Art Zwischengeneration. Ich habe eine Großvatergeneration, die ihre Rolle im Dritten Reich gespielt hat. Mein eigener Großvater war erst Schüler, dann war er Ausbilder an einer Militärakademie. Sehr konservativ bis zu seinem Tod. Mein Vater ist ein klassischer 68er, Architekt, etwas das mein Großvater immer werden wollte. Er hatte aber nie die Chance und ist dann zur Wehrmacht gegangen. Zwischen diesen beiden deutschen Polen steht dann meine dritte Generation. Ich hatte immer den Wunsch, das zu verstehen. Filme über den Faschismus zu machen, die nicht sagen, jeder Nazi ist für uns eine unglaublich negative Figur und wir machen jetzt nur Filme über die Widerstandskämpfer. Ich wollte Filme machen, wo man rauskommt und sagt, ich habe sozialpsychologisch und auf einer emotionalen Ebene verstanden, wie Faschismus funktioniert.
War das auch der Grund, „Die Welle“ bewusst als deutsche Geschichte zu erzählen?
Ja. Für mich war nach diesem Originalexperiment der erste Gedanke: Würde das hier auch passieren können, wo wir doch alle so aufgeklärt sind? Und der zweite Gedanke natürlich, wer wäre ich selber gewesen?
Und wer wärst Du selber gewesen?
Ich glaube schon so jemand wie die Figur vom Dennis, der auch Theaterregisseur ist. Ich glaube nicht, dass ich so fanatisch gewesen wäre wie er, doch eher im Widerstand. Aber je mehr man sich mit gruppenpsychologischen Dynamiken auseinander setzt, desto unsicherer wird man. Als wir z.B. die Schlussszene mit Jürgen Vogel gedreht haben, mit 20 Schauspielern und ca. 130 Komparsen, hat sich auf einmal eine Eigendynamik entwickelt, das war unglaublich. Und je mehr man das erlebt, desto unsicherer wird man, ob das so völlig aus der Luft gegriffen ist.
Inwieweit habt ihr euch Gedanken darüber gemacht, ob die Geschichte, die ja im Original in den USA spielt, eins zu eins zu übertragen ist?
Wir haben das Originalexperiment genommen und dann auch noch einmal mit dem Lehrer gesprochen. So ein paar Dinge sind im Originalexperiment anders. Wir haben es auf Deutschland übertragen und da muss man anders rangehen. Die Originalgeschichte ist ja 40 Jahre her, also ein ganz anderer Kulturkreis. Bei uns beginnt es z.B. am Anfang nicht mit einem Film über Auschwitz. Damals waren die Schüler ja das erste Mal mit diesen Bildern konfrontiert und haben angefangen zu weinen. Das ist in Deutschland anders. Bei uns ist es eher so wie im Film. Die Leute sagen: Nazizeit? Nicht schon wieder… Und sie gewinnen aus dieser fast arroganten Übersättigung die Sicherheit, davor gefeit zu sein. Und natürlich sind die Figuren anders. Gewalt und Waffen sind in Schulen heute ein ganz anderes Thema. Dem muss man natürlich Rechnung tragen. Man muss versuchen, einen modernen Blick zu entwickeln und einen Film zu machen, der möglichst realistisch sagt: Was wäre wenn?
Deine eigene Schulzeit ist ja auch noch nicht so lange vorbei. Was hat sich verändert seit damals?
Einiges. Die Gewaltbereitschaft ist unvergleichbar mit dem, was zu meiner Zeit da war. Patchworkfamilien gehören heute zur Normalität. Bei uns waren vielleicht zwei Leute in der Klasse, deren Eltern geschieden waren. Heute ist es teilweise die Hälfte, auch auf dem Land. Was ich auch immer wider festgestellt habe, ist, dass diese extreme Individualisierung eigentlich als störend empfunden wird. Das wird ja im Film auch gesagt, dass der Wunsch mit etwas, mit dem man sich identifizieren kann, zugenommen hat.
So ein gruppendynamischer Prozess ist ja nicht per se etwas Schlechtes. Wann fängt es an, gefährlich zu werden?
Das ist die Frage und das ist das Schwierige, die Grauabstufung. Wenn man sich zum Beispiel ansieht, wie Greenpeace oder die Antiglobalisierungsgegner organisiert sind. Extrem straff. Gruppen sind immer schwierig. Ob man jetzt Lehrer ist, ob man Filmregisseur ist, ob man in den Cluburlaub fährt. Man hat immer mit Gruppenprozessen zu tun. Und das kann in die eine Richtung gehen oder in die andere. Deswegen kann man nicht sagen, ob es gut oder schlecht ist. Man muss, glaube ich, nur wissen, wie es funktioniert, um sich dann davon frei zu machen.
Gerade auf dem Land ist es ja so, dass sich immer mehr Jugendgruppen organisieren, die teilweise von den Rechen forciert werden. Siehst Du da eine Parallele zum Film?
Ich glaube, um das zu regeln, ist es wichtig, Zukunft zu bieten. Allen Jugendlichen. Es wird zu wenig für junge Leute gemacht. Jugendliche empfinden sich selbst oft als Problemfall. Es wird zu wenig gefördert, die Klassen sind zu groß. Ich glaube, das sind eher Sachen, wo man ansetzen muss. Ich denke nicht, dass es eine regionale Sache ist. Aber natürlich muss man sich nicht wundern, wenn die Arbeitslosigkeit sehr hoch liegt, dass es dann letztlich auch ein politisches Problem gibt.
Die Geschichte spielt in einer fiktiven Stadt. Die Aussage ist: So etwas kann an jedem Ort und in jeder sozialen Schicht passieren. Gerade im Zuge der Jugendgewaltdiskussion hätte man das ganz aber auch an einem sozialen Brennpunkt ansiedeln können.
Mit Sicherheit. Aber was ich nicht wollte, ist, dass der Zuschauer in Stuttgart sagt: Na klar, das spielt in Berlin. Oder es spielt im Osten. Das ist hier in Stuttgart, wo wir Mercedes haben, ja gar nicht möglich. Das sagt man schnell, und so etwas wollten wir verhindern. Wir wollten schon reale Charaktere kreieren und ein Umfeld, in dem wir uns auskennen: Die Mittelschicht. Da sind Peter Thorwarth, mit dem ich das Drehbuch zusammen geschrieben habe, und ich aufgewachsen, da wissen wir, wovon wir erzählen. Wir wollten einen Film machen, wo man nicht rauskommt und sagt: Das passiert bei den anderen. Sondern: Das könnte etwas mit meinem Leben zu tun haben.
Inwieweit glaubst Du, dass man mit Filmen Menschen beeinflussen kann?
Das ist immer schwierig. Ich glaube schon, dass Filme etwas verändern oder Denkprozesse anstoßen können. Ich sehe das auch an mir selber. Nach „Schindler Liste“ habe ich das Dritte Reich mit anderen Augen gesehen. Der Film hat mich emotional mehr berührt als 50 Seiten Quellenstudium. Ich glaube schon, dass da eine große Chance entsteht. Ich bin ein riesen Fan von den amerikanischen Filmen der 70er Jahre. Weil man dort gezeigt hat, anspruchsvolle Themen unterhaltsam umzusetzen.
Du hast ein sehr radikales Ende gewählt, welches so in Wirklichkeit nicht stattgefunden hat. Warum?
Wir waren uns sehr schnell bewusst, dass die Art, wie wir den Film erzählen, einem jungen Publikum Spaß macht. Das haben wir auch bei den Dreharbeiten gemerkt. Als Filmemacher habe ich es als Pflicht empfunden, eine ganz klare Haltung zum Schluss zu beziehen. Und zu zeigen: Wenn man mit Faschismus spielt, kann es genau dort enden.
Inwiefern ist denn ein Filmset eine Autokratie?
Das hat mit Diktatur natürlich in jedem Fall etwas zu tun. Ich persönlich versuche es immer möglichst familiär zu halten. Es muss aber natürlich auch durchgestuft werden. Da bin ich aber weniger der Diktator, sondern mein Regieassistent. Ich muss im Grunde der Ansprechpartner sein und für die Schauspieler auch so ein wenig der Kumpel. Gerade in dem Alter. Es ist vor allem wichtig, angstfrei zu arbeiten. Man muss eine Atmosphäre schaffen, in der sich die Schauspieler wohl fühlen.
Der Film hatte seine Weltpremiere auf dem Sundance Festival in den USA. Wie ist es dort für euch gelaufen?
Das war sehr spannend. Der Film ist sehr gut angekommen. Die Leute beginnen sofort eine Diskussion über ihre eigene Situation und ob es in den USA heute noch so möglich wäre. Man lernt sehr genau, dass die Amerikaner extrem im Konflikt mit sich selber stehen. Dass das kommende Jahrhundert kein amerikanisches, sondern ein asiatisches sein wird, das wissen wir. Wir denken immer, den Amerikanern ist das nicht klar, aber die wissen das auch ganz genau. Sie spüren sehr deutlich, wie eine Nation ihrem Ende entgegen geht. „End of Empire“ war das geflügelte Schlagwort. Die Amerikaner beginnen sehr stark, sich selbst in Frage zu stellen.
Interview: Christina Passing, Film.de Redaktion
Interview vom: 06.03.2008
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Ganz schön heftig
Da das Buch nach einer wahren Begebenheit geschrieben wurden ist, sollte man es gelesen haben. Denn die Hälfte vom Film ist frei erfunden bzw. stark verändert wurden.
Trotzdem ist der Film sehr gut gemacht und Jürgen Vogel spielt seine Rolle sehr gut.