Sie gehörten zweifelsohne zu den exponiertesten und schillernsten Vertretern ihres Berufsstands in der alten, westdeutschen Bundesrepublik. Wobei dort nur ihre Wurzeln liegen, ihre Namen aber auch in der wiedervereinigten Gegenwart noch immer bekannt und in aller Munde sind: Hans-Christian Ströbele als streitbarer, unermüdlich die pazifistische Fahne hochhaltender Bundestagsabgeordneter der Grünen, Otto Schily als Bundesinnenminister unter Rot-Grün mit dem Ruf des harten Law and Order-Mannes und Horst Mahler, der es als Haus und Hof-Anwalt der rechtsextremen NPD und mit seinen Holocaust-Leugnungen immer wieder in die Schlagzeilen und vor bundesdeutsche Gerichte schaffte.
Ende der 1960er und in den frühen 1970er Jahren waren die drei noch Kollegen, die eng zusammen arbeiteten und gemeinsam in Berlin das sozialistische Anwaltskollektiv gründeten. Dies dokumentiert ein Foto, das auch den Ausgangspunkt für diesen Dokumentarfilm bildet. Darauf zu sehen sind Schily und Ströbele, wie sie den inhaftierten Horst Mahler vor Gericht verteidigen. Zuvor arbeiteten alle drei als Anwälte der außerparlamentarischen Opposition und verteidigten auch Mitglieder der RAF. Alle drei waren sie damals zutiefst überzeugt, dass die Bundesrepublik ein Unterdrücker der politischen Freiheit ist sowie ein Vasallenstatt der imperialistischen USA und dass dieser bekämpft werden muss. Uneins waren sie sich nur darüber, wie dies zu geschehen habe: Während Schily und Ströbele überzeugt waren, den Staat und seine Systeme friedlich aus sich selbst heraus verändern zu können, war Mahler schon damals ein Anhänger des militanten Kampfes und aktiver Unterstützer der RAF.
Heute decken die drei prominenten Köpfe der 68er ein breites Spektrum der bundesdeutschen Politik ab: Ströbele gilt vielen als das linke Gewissen der Grünen, Schily repräsentiert die konservative Bürgerlichkeit der SPD und Mahler fühlt sich am rechten Rand verwurzelt. Entsprechend wäre ein Foto, das - wie das von vor 38 Jahren - alle auf einem Bild zeigt, heute nicht mehr möglich: Ströbele und Schily gehen sich so gut es geht aus dem Weg und mit Horst Mahler wollen verständlicherweise beide nichts mehr zu tun haben.
Entsprechend konnte Regisseurin Birgit Schulz die drei auch nur einzeln interviewen. So musste ihre Fragetechnik sowie der spätere Filmschnitt im Nachhinein leisten, was vor der Kamera nicht möglich war: Die Aussagen und Ansichten der drei zu verschiedenen Themen gegenüberzustellen. Dazwischen schneidet Schulz immer wieder Interviews und Auftritte ihrer drei Protagonisten aus deren bewegter Vergangenheit, um so einen (scheinbaren) Kontrapunkt zu ihrem heutigen Aussagen zu setzen. Auf ihre sehr unterschiedliche und auseinanderdriftende biografische Entwicklung angesprochen, behaupten jedoch alle drei, sich und ihren Idealen über die Jahre hin treu geblieben zu sein.
Dies alles fügt sich sehr flüssig zu einer gut recherchierten und kurzweiligen, allerdings eher fernseh- denn unbedingt kinotauglichen Dokumentation über drei durch und durch spannende Nachkriegspersönlichkeiten mit all ihren früheren Gemeinsamkeiten und späteren Widersprüchen.
Dirk Lüneberg, Redaktion film.de
- Film.de Bewertung:
- Kritik vom 15.11.2009
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