„Ich lerne mich über meine Rollen selbst besser kennen.“
Geboren wurde Axel Schreiber unweit von Berlin im Spreewald, jetzt lebt er im Prenzlauer Berg. Zwischendurch besuchte er die Hochschule für Musik und Theater in Hannover und absolvierte einen Schauspiel-Workshop in Los Angeles. Es folgten kleinere Rollen in diversen TV-Filmen und Serien. Einem größeren Publikum bekannt wurde der 27-Jährige in der Rolle des verpeilten Axel in der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“. Jetzt startet Axel Schreiber auch auf der großen Leinwand durch: Vor Kurzem war er in der Abhänger-Komödie „Weißt was geil wär?“ zu sehen und aktuell neben Robert Stadlober in „Berlin am Meer“.
Für „Berlin am Meer“ hast du keine Gage bekommen. Was hat dich überzeugt, die Rolle dennoch zu übernehmen?
Zum einen war es die Rolle an sich. Ich habe das gelesen und dachte, was für ein Arschloch, das will ich spielen. Bei „Türkisch für Anfänger“ bin ich ja der Liebe, der immer Verständnis hat, ein wenig tollpatschig ist, und den man irgendwie mag. Als ich dann das Drehbuch zu „Berlin am Meer“ gelesen habe, dachte ich, das ist genau das Richtige. So ein kleiner Wichser, den man aber irgendwie trotzdem ganz cool findet. Das finde ich wichtig, dass die Rolle nicht so eindimensional ist. Zum anderen haben wir ja zunächst einen Trailer gedreht, um den Film finanziert zu bekommen. Da habe ich mich mit Robert Stadlober gleich super verstanden, wir waren einfach auf einer Wellenlänge und hatten total viel Spaß. Da war klar, wenn der Film ge-macht wird, will ich auf jeden Fall dabei sein.
„Berlin am Meer“ ist ein typischer Berlinfilm. Was macht einen Berlinfilm für Dich aus?
Dieses Gefühl des Sich-treiben-lassens. Ich kenne einige, die hier hergekommen sind, um zu studieren, aber nie wirklich an der Uni waren, sondern nur auf Partys gegangen sind, nächtelang durchgemacht haben und dann wirklich versumpft sind. Ich selbst bin ja im Spreewald geboren, bin während des Abis hierher gefahren und habe wild gefeiert. Auf der Schauspielschule habe ich mich schon eher auf das kon-zentriert, was ich wollte. Und jetzt, wo ich hier lebe, gehe ich natürlich auch mal fei-ern. Aber bei mir besteht die Gefahr nicht, dass ich versumpfe. Ich weiß ja, was ich will vom Leben. Ich glaube, das ist sehr wichtig in Berlin, dass man ein Ziel hat. Sonst kann man sich hier zu sehr treiben lassen: Irgendwie ist alles ganz cool, ganz hipp. Man kennt irgendwelche Leute, steht überall auf der Gästeliste und versucht überall dabei zu sein.
Was du da beschreibst, ist auch typisch für die Figuren in deinen Filmen. Die wirken alle ein wenig verloren, auf der Suche nach sich selbst, sind aber auch sehr kreativ und voller Ideen. Findest du, dass die Filme typische Generationenporträts sind?
Total, wenn man sich zum Beispiel anguckt, wie das mit dem Klima ist. Irgendwie stellt man zurzeit alles in Frage. Selbst in Deutschland, wo man immer dachte, wir sind eine Demokratie und eigentlich geht’s uns gut. Jetzt merkt man immer mehr, dass unser System falsch läuft und wir in eine falsche Richtung gehen. Man weiß auch nicht, wie lange das noch gut geht. Ich glaube, es wird bald Umbrüche geben. Das Bewusstsein der Menschen erweitert sich. Und mit dieser Bewusstseinserweite-rung ist ja auch erst mal eine Angst verbunden. Was kommt als nächstes? Ich glau-be, das ist typisch für diese Generation.
Deine Figuren in „Türkisch für Anfänger“, „Weißt was geil wär?“ und „Berlin am Meer“ sind sehr unterschiedlich. Welche kommt dir persönlich am nächsten oder hast du von allen etwas?
Ich vertrete die Ansicht, dass man nur das spielen kann, was auch in einem ist. Ich glaube, dass jeder Mensch zu allem das Potential hat. Dass sogar ein Mörder in je-dem steckt. Die Sozialisation, oder wie wir uns gerade gern sehen möchten und wie die Umstände sind, das formt uns einfach. Jede Rolle hat etwas von mir. Natürlich bin ich nicht komplett die Person, aber es gibt schon Kernpunkte, die mir sehr nahe liegen. Zum Beispiel Axel in „Türkisch für Anfänger“. Der ist auch jemand, der nicht wirklich weiß, wohin, aber immer das Beste will. Innerlich ist er ein nervöser Typ und hat auch noch nicht so richtig seinen Platz gefunden, ist dann aber auch wieder der Verständnisvolle. Das Gefühl kenn ich gut. Ich bin auch jemand, der relativ schnell nervös ist und sich viele Gedanken macht.
Suchst du in jeder Rolle etwas, das du von dir selbst kennst?
Ja, und das Witzige ist, dass ich auch bei jeder Rolle etwas entdecke, was ich zuvor noch nicht an mir kannte. Ich denke, dass wirklich alles in einem irgendwie vorhan-den ist. Und wenn man das Bewusstsein schärft, merkt man, das eine hat man mehr, das andere weniger. Und irgendwie komme ich durch die vielen Rollen auch immer mehr zu mir. Weil ich immer mehr über mich lerne und mich viel besser kennen ler-ne. Das finde ich cool.
Wie bist Du eigentlich an die Rolle in „Türkisch für Anfänger“ gekommen?
Ich glaube ja, dass alles Glück und Fügung ist. Nach dem Ende der Schauspielschu-le waren einige Theater und Agenten an mit interessiert. Da dachte ich, jetzt gehe ich nach Berlin und dann geht’s ab. Und dann bin ich nach Berlin gegangen und es ging gar nichts ab. Ungefähr ein Jahr lang. Das hat schon an mir gefressen. Dann habe ich mich auch von meiner Agentur getrennt. Ich hatte also zu diesem Zeitpunkt keine Rollen, keine Agentur, nichts. Und dann kam auf einmal ein Anruf von der Produkti-onsfirma Hofmann und Voges, die hatten mich mal bei einem anderen Casting gese-hen und mich dann zum Casting zu „Türkisch für Anfänger“ eingeladen.
Wusstest du eigentlich schon immer, dass du Schauspieler werden wolltest?
Ich glaube ja echt, dass, bevor ich geboren wurde, bereits in meinem Lebensbuch stand: Schauspieler! Ich wollte es schon immer werden. Natürlich wollte man dann auch mal kurzzeitig Matrose oder Feuerwehrmann werden, aber eigentlich war es schon immer Schauspieler.
Du warst dann auf einer Schauspielschule, was ja die bewusste Entscheidung war, eine richtige Ausbildung zu machen?
Das war auch total wichtig für mich. Bevor ich auf die Schauspielschule gegangen bin, hatte ich gar keinen Plan. Es gibt Leute, die rutschen da einfach rein, aber ich wusste, ich bin jemand, der den klassischen Weg nimmt: Schauspielschule und Aus-bildung. Ich habe mich dann bei Schulen beworben und gedacht, ich muss jetzt die nächsten drei Jahre vorsprechen gehen. Doch dann hat es gleich im ersten Jahr noch geklappt.
Warum bist du danach noch nach LA gegangen?
Die Ausbildung an der Schauspielschule ist eigentlich mehr fürs Theater, da wird nicht so viel Wert darauf gelegt, vor der Kamera zu arbeiten. In LA habe ich das in einem Workshop nachgeholt. Außerdem wollte ich einmal Hollywood erleben. Ich wollte es einmal gesehen haben, um sagen zu können, ich weiß so ungefähr, wie es da ist. Ich habe auch gemerkt, dass da zwar eine tolle Energie herrscht, aber wirklich jeder Schauspieler ist. An meinem ersten Tag bin ich in den Supermarkt und das ers-te, was die Kassiererin mich fragt: „Are you an actor?“.
Bist du auf die Schauspielschule gegangen, weil du Theater spielen wolltest oder war für dich von Anfang an klar, dass du vor der Kamera arbeiten willst?
Ich finde Film für mich schon interessanter, ich werde durch Filme auch viel mehr gerührt. Ich habe bis jetzt noch nicht im Theater gesessen und geweint und bei Fil-men passiert mir das relativ schnell. Und ich mag es total, wenn man für 90 Minuten woanders ist, alles vergisst und danach verändert ist. Ich finde zum Beispiel aus „Weißt was geil wär?“ geht man mit einem guten Gefühl raus und denkt, das war ein süßer, kleiner Film. Natürlich kein Film, der dich in deinen Grundfesten erschüttert, aber einer, aus dem man rausgeht und einfach gut drauf ist.
Wo gehst Du denn gerne hin, wenn Du in Berlin weg gehst?
Ich habe gar keine richtigen Lieblingsläden. Jetzt im Sommer war ich oft auf Open Airs. Wo ich gerne hingehe, ist der Golden Gate Club an der Jannowitzbrücke. Die spielen dort feinsten Elektro. Den habe ich mal durch Zufall gefunden: Ich bin an ei-nem Sonntag mit dem Fahrrad vorbei gefahren und habe die Musik gehört. Dann bin ich rein gegangen und habe bis nachts nur getanzt.
In „Weißt was geil wär?“ versucht ihr, einen Film zu drehen. Hast Du überlegt, auch mal hinter der Kamera zu arbeiten?
Ich habe da keine konkreten Pläne, aber ich glaube, so etwas kommt automatisch wenn man Filme gemacht hat, dass man denkt, ich würde jetzt gerne mal was Eige-nes machen. Ich habe auch schon mal ein Theaterstück geschrieben und da habe ich schon gemerkt, ich würde vielleicht gerne mal ein Drehbuch schreiben. So etwas wird noch kommen, das weiß ich. Und das größte wäre es natürlich, das dann auch noch regiemäßig in Szene zu setzen. Aber im Augenblick habe ich da keine Ambitio-nen, ich will mich erstmal aufs Schauspielen konzentrieren. Damit habe ich schon genug zu tun und ich will ja auch noch ein bisschen Leben. Man muss sich auch Zeit nehmen fürs Reflektieren und darf sich nicht völlig in der Arbeit verlieren.
Interview: Christina Passing und Dirk Lüneberg, Film.de Redaktion
Interview vom: 22.01.2008
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